Beim Handel zwischen Ländern mit unterschiedlicher Währung spielen die Paritäten eine entscheidende Rolle. Auf einem freien Devisenmarkt erfolgt ein gleichgewichtiger Devisenkurs verschiedener Währungen auf Grund des Ausgleiches von Angebot an und Nachfrage nach Devisen. Zur Bestimmung dieses gleichgewichtigen Devisenkurses benötigt man allerdings die dem Angebot und der Nachfrage zu Grunde liegenden Faktoren. Auch und gerade bei fixierten Devisenkursen ist eine Kenntnis dieser Faktoren und deren Wirkungsweise außerordentlich wichtig, vor allem dann, wenn eine Devisenkurskorrektur vorgenommen werden soll. Besteht nämlich ein Zahlungsbilanzungleichgewicht, so wird häufig versucht, ein neues Gleichgewicht über eine Korrektur des Devisenkurses zu erreichen; in welcher Richtung und in welchem Ausmaß dabei der Devisenkurs geändert werden soll, ergibt sich aus eben jenen Bestimmungsfaktoren der Devisennachfrage bzw. des Devisenangebotes.

Lerner und vor ihm schon Marshall stellten fest, daß die Nachfrageelastizitäten der gehandelten Güter eine entscheidende Rolle für das Erreichen eines gleichgewichtigen Devisenkurses spielen. "Wo die Nachfrage unelastisch ist, wirkt der (Wechselkurs-)Mechanismus in die falsche Richtung"; "der kritische Punkt (dabei) liegt dort, wo die Summe aus Nachfrageelastizität der Importgüter und aus Nachfrageelastizitat der Exportgüter gleich 1 ist" (Lerner), ein rein verbal abgeleitetes Ergebnis. Die Marshall-Lerner-Bedingung für eine normale Reaktion der Zahlungsbilanz fordert, daß eben diese Summe der genannten Nachfrageelastizitäten größer als 1 sein müsse.

Zur Verdeutlichung dieser Bedingung sei (I.) von nur zwei Ländern und der Einfachheit halber von nur zwei handelbaren (tradeable) Gütern ausgegangen. Neben dem Güterhandel sollen (Il.) keine weiteren Transaktionen vorgenommen werden, so daß sich die Zahlungsbilanz auf allein die Handelsbilanz reduziert. Da Marshall und Lerner nur auf die Nachfrageelastizitäten abstellten, sollen (III.) auch hier nur die Importeure - eben diejenigen, in denen sich die heimische Nachfrage vereinigt - betrachtet werden; das Exportangebot wird nicht beachtet. Importeure fragen Güter im Ausland nach, benötigen dafür Devisen und bieten im benötigten Umfang heimische Währung an; Importeure sind Nachfrager nach Devisen bzw. Anbieter heimischer Währung am Devisenmarkt. Der gleichgewichtige Devisenkurs wird damit von der Güternachfrage auf den Importmärkten des In- wie Auslandes bestimmt.

Die Nachfrage nach Importgütern eines Landes ergibt sich aus der Betrachtung des binnenländischen Marktes. Man kann nun bestimmte Überlegungen darüber anstellen, wie eine solche Nachfrage nach ausländischen Gütern ableitbar sei; für das hier zu analysierende Problem genügt es, eine normale Preis (px) - Mengen (x) - Beziehung zu unterstellen.

Aus einer solchen Nachfragefunktion

   (1) x = f(pxx)

soll die Nachfrage nach Devisen abgeleitet werden, also

   (2) DN = f(w),

mit DN = Nachfrage nach Devisen und w = Wechselkurs (Preis eines Gutes in inländischer Währung bezogen auf den Preis desselben Gutes in ausländischer Währung, also

  

Da die Nachfrage nach Devisen identisch ist mit dem Angebot an heimischer Währung bzw. mit dem Importumsatz Im, ergibt sich definitionsgemäß

   (3)

Der Verlauf dieser Devisennachfragefunktion läßt sich recht leicht durch folgende Überlegung klarmachen. Die Umsatzfunktion einer linearen Nachfragefunktion hat einen U-förmigen Verlauf; je nachdem, welcher Parameter als unabhängige Variable definiert wird, weist diese Umsatzfunktion einen nach unten (x als Unabhängige) oder einen nach links (px als Unabhängige) geöffneten Parabelverlauf auf. Für die Importnachfrage ergibt sich nun, daß ein eben solcher Verlauf zu unterstellen ist, wobei die Parabel zum Devisenpreis w geöffnet erscheint. In Abb. 1 ergibt sich damit für die Devisennachfrage der dort angegebene Verlauf DN.

Für die Devisenangebotsfunktion DA ist in gleicher Weise vorzugehen; allerdings gilt für sie auf das Inland bezogen eine Funktion

   (4)

die aus der ausländischen Nachfrage nach Gut y, also py = f(y) ermittelt wurde. Dies führt schließlich zum Verlauf der Devisenangebotsfunktion in der in Abb. 1 dargestellten Form. Unterstellt ist dabei (IV.), daß der Auslands- bzw. Weltmarktpreis der jeweils importierten Güter (also in ausländischer Währung gerechnet) konstant ist; man könnte auch sagen, daß die Produzentenpreise in der Währung des Herstellerlandes konstant sind und es auch bleiben, gleichgültig wie hoch die Produktion ist.

Abb. 1

Aus dieser Darstellung ergibt sich nun, daß mit einer Abwertung der Währung des hier betrachteten Landes von w1 auf w2 - an sich ein Hintendieren zum Gleichgewichtskurs wG - der Zahlungsbilanzsaldo ImA - ImB bzw. da ImB ExA (mit Ex = Exportvolumen), also ImA - ExA noch größer wird; die Zahlungsbilanz reagiert anormal. Erklärlich wird dies durch die Nachfrageelastizitäten. So ist aus der graphischen Darstellung leicht ablesbar, daß die Preiselastizität der Nachfrage h des vom Inland importierten Gutes bei w1 kleiner als 1 ist; das gleiche - wenn auch nicht so offenkundig - gilt für die Nachfrageelastizität des exportierten, also vom Ausland importierten Gutes.

Die exaktere Ableitung erfolgt mathematisch. Nach Rose verbessert sich dann bei einer Devisenkursänderung die Zahlungsbilanz - "reagiert normal -, wenn die sichere Zunahme des Exportwertes in heimischer Währung größer ist als die mögliche Zunahme des Importwertes in heimischer Währung", wenn also im Land A

   (5) gilt.

Der Export des Landes A ist identisch mit dem Import des Landes B, ausgedrückt in der Währung des Landes A, also

   (6)

Aus Ungleichung (5) und (6) folgt

   (7a)

und nach der Produktenregel folgt

   (7b)

Erweitert man Ungleichung (7b) in der nachfolgenden Weise

   (8a)

so läßt sich auch

   (8b)

schreiben, wobei definitionsgemäß DhB für die Devisennachfrageelastizität des Landes B und DhA für die des Landes A geschrieben wird. Geht man bei der Betrachtung wie Marshall und Lerner (V.) von einer ausgeglichenen Zahlungs- bzw. Handelsbilanz aus, so gilt ExA = ImA oder
   (9)

Damit reduziert sich Ungleichung (8b) auf

   (10)

Nun stellt die Marshall-Lerner-Bedingung nicht auf Wertelastizitäten ab wie Ungleichung (10), sondern auf Mengenelastizitaten! Dies bedeutet, daß Ungleichung (10) noch weiter zurückgeführt werden muß, wobei - wie oben - der jeweilige Auslands- bzw. Weltmarktpreis der importierten Güter konstant gehalten wird.

Die Auflösung von DhA mit = 1 und damit für w = pxA ergibt
   (11a)

dabei stellt xA die vom Land A importierte Menge des Gutes x dar.

Einige Vereinfachungen in Gleichung (11a) ergeben dann

   (11b)
Analog dazu ergibt sich für DhB mit ,wobei und yB= die vom Land B importierte Menge des Gutes y ist,
   (12)

Aus Gleichung (11b) und (12) in Verbindung mit Ungleichung (10) folgt schließlich

   (13a) , oder
   (13b)

bzw. bei Multiplikation der Nachfrageelastizitäten mit (-1) gemäß Marshall'scher Tradition ergibt sich die eingangs verbal formulierte Marshall-Lerner-Bedingung

   (13c)

Die Angebotselastizitäten, die ja auch einen Einfluß auf Devisenangebot und -nachfrage haben, bleiben dabei außer Acht. Die Marshall-Lerner-Bedingung hat offensichtlich dann ihre Bedeutung, wenn der Handel vorwiegend aus landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen besteht, die teilweise recht niedrige Nachfrageelastizitäten aufweisen. In der Regel jedoch, vor allem beim Handel zwischen den westlichen Industrievolkswirtschaften, handelt es sich um hochwertige Halb- und Fertigfabrikate mit einer Preiselastizität größer als 1, bei dem die Marshall-Lerner-Bedingung stets erfüllt ist.

Literatur:
Marshall, Afred, Money, Credit and Commerce, NewYork 1923.
Lerner, Abba P., The Economics of Control, New York 1923.
Haberler, Gottfried, The Market for Foreign Exchange and the Stability of the Balance of Payments, in: Kyklos, Vol. 111 (1949).
Rose, Klaus, Theorie der Außenwirtschaft, 5. Aufl., München 1974.